Die Geschichte unseres Tatra 52 Sodomka

Aus:
Mythos Oldtimer
Klartext Verlag
TLZ

Tatra Sodomka

Der einzige seiner Art

Der Tatra 52 Sodomka (1934) von Dieter Fischer aus Felchta sucht vergeblich seinesgleichen.
Er ist einzigartig und wird es immer bleiben. Nur ein Tatra 52 Sodomka Cabriolet ist je gebaut worden und hat sein Heim heute im thüringischen Felchta. Doch dass es überlebt hat, grenzt nahezu an ein Wunder. Woher kommt der Name Sodomka? Das kann Besitzer Dieter Fischer berichten. „Josef Sodomka war ein tschechischer Karosseriebauer. Man könnte heute sagen, er war der Colani der 30er Jahre.“ Eigentlich stellte das Unternehmen im tschechischen Vysoke Myto (früher Hohenmauth) Kutschen her. „Josef Sodomka aber studierte in den USA. Er sah, dass die Amerikaner Ende der 20er Jahre schon die Pontonformen verwendeten, gefälliges Design auf den Markt brachten, während in Europa immer noch die Kastenform bei den Autos vorherrschte.“ Zurück in der Heimat suchte sich Josef Sodomka extravagante zahlungskräftige Kundschaft, für die er neue Karosserien kreieren wollte. Das Konzept ging auf. Staatsmänner und Schauspieler, Unternehmer und Bankiers ließen sich von dem Designer exklusive Karosserien anfertigen. Das Einzigartige dabei war, dass bei Sodomka nie zwei Stück einer Sorte angefertigt wurden.

Tatra Sodomka

Eines Tages, im Jahr 1932, bestellte ein tschechischer Schauspieler bei der Autoschmiede in Hohenmauth einen ausgefallenen Tatra 52. Unter der Anleitung seines Vaters übernahm Sodomka Junior die Aufgabe. Auf der Basis einer Langchassis-Karosserie des Tatra 52 aus dem Jahre 1932 entwickelte er die wunderschöne Form, in der sich das Auto heute wieder präsentiert. Zwei Jahre später war es fertig und wurde auf der Weltausstellung in Prag als das bahnbrechendste und futuristischste Cabriolet der 30er Jahre ausgezeichnet. „Kurz nach der Wende habe ich Sodomkas Schwiegersohn kennengelernt“, erzählt Fischer. „Er hat mir die Geschichte meines Autos bestätigt.“ Aber bis der Tatra zu Dieter Fischer kam, war es noch ein langer Weg. Es kam der Krieg. Dann übernahm der Sozialismus die Macht. Der Besitzer des Tatras war mittlerweile verstorben und hatte seinem ehemaligen Chauffeur das Auto vererbt. „Dieser aber hatte so viel Angst, dass die Kommunisten den wertvollen Tatra konfiszieren und gegen Devisen in den Westen verschachern, dass er ihn kurzerhand in einer Scheune einmauerte“, erzählt Fischer mit ruhiger Stimme. Das Auto geriet schlichtweg in Vergessenheit. Dieter Fischer indessen lebte in Hessen und arbeitete als leitender Angestellter eines großen Versandunternehmens. Bei einer seiner Reisen fand er auf dem Hinterhof eines kleinen Hotels, in dem er übernachtete, einen abgemeldeten, ziemlich verrosteten Wagen. Auf die Frage, was das für ein Auto sei, antwortete man ihm, es sei ein Tatra. Ihm gefiel die Form, sein Interesse war geweckt, so kaufte er kurzerhand das Auto auf und begann es zu restaurieren. „So kam ich das erste Mal mit einem Tatra in Berührung und es begann leise eine kleine Liebe zu diesen Autos zu erblühen.“ Im Laufe der Jahre bis heute gingen 20 Tatras durch seine Hände. Er beschäftigte sich immer mehr mit der Geschichte dieser Autos, bis ihm ein Freund, es war Mitte der 70er Jahre, von einer merkwürdigen Sache erzählte. In einer Scheune in der Tschechei hatte sich der neue Besitzer gewundert, warum sie außen länger ist als innen. Voller Neugier riss er die Wand ein und traute seinen Augen nicht. Dahinter stand ein Auto: Der Tatra 52 Sodomka. Durch ein Loch im Dach hatten sich nach und nach Hühner in ihm einquartiert. Er stand dort sauber und trocken aufgebockt - ohne Räder – mit einer dicken Dreckschicht. Sofort eilte Fischer dorthin, um sich diesen Fund anzusehen. „Ich musste dieses Auto haben.“ Aber noch hatten die Kommunisten das Sagen, der Prager Frühling war erst vor kurzem niedergeschlagen worden. „Es hat zähe Verhandlungen mit dem Besitzer gegeben, der lange nichts von einem Verkauf wissen wollte. Er hatte zuviel Angst vor der Staatssicherheit. Immerhin kam ich aus dem Westen.“ Mit viel Überredungskunst und einem ausgeklügelten Plan schließlich bekam er den Zuschlag. Das Auto wurde vor Ort in der Scheune in seine sämtlichen Einzelteile zerlegt. „Ich habe nicht mehr mitgezählt, wie oft ich in die Tschechei gereist bin, 40 oder 50 Mal.“ Bei jeder Reise schmuggelte er einige Teile über die Grenze, mal in Taschen und Koffern, große Teile versteckte er unter dem Gepäck. Oft bestach er die Zöllner, die tatsächlich immer ein Auge zudrückten. Endlich hatte er das gesamte Auto zu Hause. „Es dauerte geschlagene zehn Jahre, bis er wieder in seiner alten wundervollen Schönheit erstrahlte.“ Seit einigen Jahren hat Dieter Fischer seinen Lebensmittelpunkt in Thüringen, den Tatra brachte er natürlich mit.

Tatra Sodomka

Unter der Haube des einigartigen Oldtimers schlägt als Herz ein luftgekühlter Vier-Zylinder-Boxer-Motor mit zwei Litern Hubraum und 30 PS. Er beschleunigt den 1,5 Tonnen schweren Wagen mit der Vier-Gang-Knüppelschaltung auf 100 Stundenkilometern. Die Holz-Blech-Konstruktion der Karosserie ist sehr schwer, so dass der Motor ordentlich zu tun hat. „Aber es ist dickes Material, das hält ewig“, hofft der Besitzer. Er selbst fährt maximal 60 km/h mit dem schönen Stück. Will er zu einem Treffen in größerer Entfernung, wird der Tatra auf einem Hänger hingebracht, um ihn zu schonen. Verblüffend ist die Rechtslenkung. Aber auch die lässt sich geschichtlich erklären. „Böhmen und Mähren waren genau wie Österreich und Ungarn habsburgische Länder. Dort herrschte Linksverkehr. Erst mit dem Anschluss an das Großdeutsche Reich wurde umgestellt“, weiß der Wahl-Thüringer. Ungewöhnlich an dem Auto sind auch die Seitenscheiben. Werden sie heruntergelassen, klappt sich der Rahmen mit ein und legt sich bündig auf die Türen auf. Von seinen vielen Tatras hat sich Dieter Fischer inzwischen getrennt. „Irgendwann wird alles etwas viel.“ Er rät jedem, der sich das Hobby Oldtimer aussucht, genau zu schauen, was zu einem selbst passt und dann erst mit dem Sammeln zu beginnen. „Und man muss wissen, wann es genug ist“, lacht er. Alle Tatras hat er natürlich nicht abgegeben. Der Sodomka bleibt. Für immer!

Tatra Sodomka